Die Phrase "Mensch & Umwelt" suggeriert die Idee einer Trennung zwischen Mensch und Umwelt… Ist das eine wirklich passende Idee?
Wo beginnt eigentlich
unsere Umwelt?
Wir sprechen ganz selbstverständlich von „Mensch und Umwelt“, als wären es zwei klar getrennte Bereiche: hier der Mensch, dort die Umwelt. Doch wenn wir genauer hinsehen, verschwimmt diese Grenze. Die eigentliche Frage lautet also:
Wo endet der Mensch – und wo beginnt seine Umwelt?
Die offensichtliche Grenze: Unsere Haut

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Unsere Haut bildet die äußere Begrenzung unseres Körpers. Alles außerhalb davon – Luft, Wasser, Nahrung, Boden, andere Menschen, Tiere, Pflanzen und alles was im „Aussen“ enthalten ist – könnte man als Umwelt bezeichnen.
Doch schon hier wird es kompliziert. Denn die Luft, die wir einatmen, befindet sich Sekunden später in unseren Lungen, wo wir Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxid ausatmen Das Wasser, das wir trinken, wird Teil unserer Zellen, und mit ihm Mineralien sowie die Nanaopartikel aus Plastik, von denen wir berichtet haben. Nahrung wird in Energie umgewandelt und über die Blutbahnen werden unsere Organe ernährt. Was eben noch „Umwelt“ war, wird buchstäblich zu „uns selbst“.
Die Grenze ist also äußerst durchlässig.
Austausch statt Abgrenzung?
Biologisch betrachtet existieren wir nur im ständigen Austausch mit unserer Umgebung. Jeder Atemzug verbindet uns mit der Atmosphäre. Jeder Schritt verbindet uns mit der Schwerkraft und dem Boden. Selbst unser Darm beherbergt Milliarden Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Pilze) – das sogenannte Mikrobiom –, ohne die wir nicht überlebensfähig wären.
Sind diese Mikroben Teil von uns oder Teil unserer Umwelt? Da sie auch in anderen Umgebungen vorkommen und wir uns in ständigem Austausch mit unserer Umgebung befinden, scheinen wir ein recht offenes System darzustellen.
Die schiere Anzahl der Gene in diesem Mikrobiom übersteigt unsere eigenen menschlichen Gene um das Hundertfache. Das macht sie zu einem „vergessenen Organ“, das fast jeden Prozess in unserem Körper beeinflusst. Bedenklich finde ich, dass wir Bakterien, Viren und Pilze heute mehrheitlich als Bedrohung empfinden.

Doch die Biologie spricht zunehmend vom „Holobionten“ – einem Verbund aus Mensch und Mikroorganismen. Das bedeutet: Selbst in unserem Inneren tragen wir „Umwelt“ mit uns herum und werden damit zu einem Teil des Ganzen.
Mehr als Natur
Oft denken wir bei Umwelt nur an Natur – Wälder, Meere, Klima. Doch zu unserer Umwelt gehören ebenso:
-
unsere soziale Umgebung
-
unsere kulturellen Werte
-
digitale Räume
-
gebaute Infrastruktur
-
wirtschaftliche Strukturen
Ein Kind wächst nicht nur in Luft und Landschaft auf, sondern auch in Sprache, Beziehung und Gesellschaft. Die „Umwelt“ ist also auch sozial und geistig.
Wo beginnt sie? Erst mit der Geburt und dem ersten Blickkontakt mit einem anderen Menschen?
Wohl kaum, denn selbst pränatale (vorgeburtliche) Erfahrungen, wie Erlebnisse und Einflüsse während der Schwangerschaft, die die Entwicklung des Fötus prägen und die psychische Gesundheit sowie Bindungsfähigkeit im späteren Leben beeinflussen können, gehören dazu.
Es gibt kein Außen
Physikalisch betrachtet existieren wir nicht isoliert. Unser Körper steht permanent im Austausch von Energie:
-
Wärmestrahlung
-
elektromagnetische Felder
-
Schallwellen
-
Gravitation
Selbst wenn wir völlig still stehen, beeinflussen wir unsere Umgebung – und sie beeinflusst uns.
Streng genommen gibt es also kein absolutes „Außen“. Es gibt nur Wechselwirkungen.
Eine philosophische Betrachtung
Vielleicht liegt der Denkfehler in der Trennung selbst.
Die Vorstellung von „Mensch und Umwelt“ stammt aus einem Weltbild, das den Menschen als getrennt von der Natur betrachtet – als Beobachter oder sogar als Beherrscher. Wie in der Schöpfungsgeschichte der Bibel bei Moses 1.28 zu lesen: „Macht euch die Erde Untertan“
Viele indigene Kulturen kennen diese Trennung nicht. Dort ist der Mensch Teil eines Netzes von Beziehungen. Nicht „Mensch und Umwelt“, sondern „Mensch in Umwelt“ – oder präziser: „Mensch als Umwelt“.
Denn jeder von uns ist wiederum Umwelt für andere Lebewesen.
Mensch und Umwelt in indigenen Weltbildern: Keine Trennung, sondern Verwandtschaft
Während in der westlich geprägten Moderne „Mensch“ und „Umwelt“ meist als zwei getrennte Größen gedacht werden, existiert in vielen indigenen Kulturen eine grundlegend andere Sichtweise. Dort gibt es oft kein sprachliches oder gedankliches Gegenüber von Mensch und Natur. Die Trennung ist nicht selbstverständlich – manchmal ist sie überhaupt nicht vorgesehen.
Verwandtschaft statt Besitz
In zahlreichen indigenen Traditionen – etwa bei vielen nordamerikanischen First Nations, in Teilen Amazoniens oder in australischen Aboriginal-Kulturen – wird die natürliche Welt nicht als „Ressource“, sondern als Verwandtschaft verstanden.
Flüsse, Berge, Tiere oder Wälder gelten nicht bloß als Objekte, sondern als handelnde, beziehungsfähige Wesen. Man spricht vom „Großvater Stein“, von der „Mutter Erde“ oder von Tier-Nationen. Diese Begriffe sind nicht romantische Metaphern, sondern Ausdruck einer ontologischen Haltung: Die Welt ist belebt und relational.
Wenn ein Mensch einen Baum fällt oder ein Tier jagt, geschieht dies nicht als Eingriff in eine neutrale Umwelt, sondern als Handlung innerhalb eines Beziehungsgeflechts. Entsprechend existieren Rituale des Dankes, der Bitte oder der Wiedergutmachung.
Die Umwelt beginnt nicht „außerhalb“ – sie ist ein Netz von Verwandtschaft, in das man hineingeboren wird.

Das Prinzip der Gegenseitigkeit
Ein zentrales Motiv vieler indigener Kosmologien ist Reziprozität – Gegenseitigkeit. Alles Leben beruht auf Geben und Nehmen. Der Mensch nimmt Nahrung, Schutz und Material – aber er schuldet der Welt Respekt, Maß und Ausgleich.
In diesem Denken ist der Mensch nicht Herrscher über die Natur, sondern Teilnehmer in einem Kreislauf. Übernutzung wäre nicht nur ökologisch problematisch, sondern ein Bruch einer moralischen Beziehung.
Das verändert auch die Frage nach dem Beginn der Umwelt: Sie beginnt dort, wo Verantwortung beginnt.
Animismus als Beziehungskonzept
Was im Westen oft als „Animismus“ bezeichnet wird – die Vorstellung, dass alles beseelt sei – ist weniger eine naive Zuschreibung von „Geistern“, sondern vielmehr ein Beziehungsmodell. Der Anthropologe Philippe Descola beschreibt dies als eine andere „Ontologie“: Nicht der Mensch allein besitzt Innerlichkeit, sondern auch Tiere, Pflanzen oder Landschaften haben eine Art Subjektstatus.
Das bedeutet nicht, dass alles gleich ist – aber dass alles Teil eines dialogischen Gefüges ist.

Wenn ein Jäger vor der Jagd mit dem Tier spricht, ist das keine symbolische Geste, sondern Ausdruck eines Verständnisses von Welt als Kommunikationsraum.
Verantwortung über Generationen
Viele indigene Kulturen denken Umwelt nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Bekannt ist etwa das Prinzip mancher nordamerikanischer Stämme, Entscheidungen im Hinblick auf die „siebte Generation“ zu treffen.
Umwelt beginnt hier nicht nur um den Körper herum – sie reicht in Vergangenheit und Zukunft. Die Ahnen gehören ebenso dazu wie die noch ungeborenen Kinder.
Der Mensch steht also in einem Kontinuum von Beziehungen – nicht nur horizontal (mit Tieren, Pflanzen, Landschaft), sondern auch vertikal (mit Vorfahren und Nachkommen).

Was wir daraus lernen können
Die indigene Perspektive stellt die Grundannahme infrage, dass es ein getrenntes „Innen“ und „Außen“ gibt. Sie lädt ein, Umwelt nicht als Kulisse unseres Handelns zu betrachten, sondern als Mitwelt – ein Begriff, den auch der Philosoph Jakob von Uexküll geprägt hat.
Vielleicht beginnt unsere Umwelt nicht an einer physischen Grenze, sondern im Moment der Anerkennung von Beziehung.
Fazit
„Mensch & Umwelt“ ist weniger eine Trennung als eine Beziehung. Wir sind keine Wesen, die in einer Umwelt existieren – wir sind Teilhabende innerhalb eines größeren Ganzen.
Die Umwelt beginnt nicht irgendwo außerhalb von uns.
Sie beginnt mit jedem Austausch, jeder Wechselwirkung, jeder Verbindung.
-
Sie beginnt an der Oberfläche unserer Haut –
-
und gleichzeitig beginnt sie in unseren Zellen.
-
Sie beginnt im ersten Atemzug –
-
und im ersten Gedanken.
-
Sie beginnt dort, wo Beziehung entsteht.
Vielleicht ist die ehrlichste Antwort:
Unsere Umwelt beginnt genau dort, wo wir aufhören, uns als isoliertes Individuum zu verstehen und nicht als eine über der Natur stehend Art, die dazu noch die abwegige Idee verfolgt seine Lebensgrundlagen zu verbrauchen und zu zerstören.“
In diesem Sinne werden Sie auf unserer Seite Beiträge finden, die alle Bereiche unserer "geteilten Welt" reflektiert
Ihre Egestorfer Umweltbrief-Redaktion





